Was ist industrielle Abwärme wert?

Abwärme hat zunächst keinen Preis – ihre Nutzung aber schon. Doch wie lässt sich daraus ein angemessener Preis für die Abwärme ableiten?

 

Eine naheliegende Überlegung ist, dass der Wert von Abwärme mit ihrer Temperatur steigt. Das ist grundsätzlich richtig: Abwärme mit 80 °C kann beispielsweise direkt in ein Wärmenetz eingespeist werden, während bei 35 °C meist eine Wärmepumpe erforderlich ist, um ein nutzbares Temperaturniveau zu erreichen. Daraus lassen sich erste Orientierungswerte ableiten: Für direkt nutzbare Abwärme mit 75–90 °C könnten beispielsweise 50–60 €/MWh wirtschaftlich vertretbar sein. Bei niedrigeren Temperaturen von unter 20 bis 60 °C reduziert sich der mögliche Preis durch den erforderlichen Wärmepumpeneinsatz auf vielleicht 0–40 €/MWh.

 

Doch diese Betrachtung bildet nur eine Seite ab.

 

Was ist die Abwärme dem Abnehmer wert?

Der wirtschaftliche Wert ergibt sich zunächst daraus, welche Kosten der Abnehmer durch die Nutzung der Abwärme vermeiden kann. Bei einem Wärmenetz ist die Alternative häufig ein Biomasseheizwerk. Dessen Wärmegestehungskosten liegen beispielsweise bei 70–80 €/MWh, die kurzfristigen Grenzkosten der Wärmeerzeugung können aber unter 50 €/MWh liegen.

 

Warum sollte ein Wärmenetzbetreiber dann 60 €/MWh für Abwärme bezahlen? Dafür kann es gute Gründe geben. Beispielsweise kann die Abwärme eine Stilllegung des Biomassekessels während der Sommermonate ermöglichen. Oder sie übernimmt einen Teil der Grundlast, sodass ein kleinerer Biomassekessel ausreicht beziehungsweise bei gleicher Kesselleistung mehr Wärmeabnehmer versorgt werden können.

 

Entscheidend ist also, welche Kosten durch die Abwärmenutzung tatsächlich vermieden werden – und welche zusätzlichen wirtschaftlichen Vorteile entstehen. Davon sind sämtliche Kosten abzuziehen, die für Transport, gegebenenfalls Temperaturerhöhung und Einbindung der Abwärme erforderlich sind. Erst daraus ergibt sich der maximal wirtschaftlich vertretbare Abwärmepreis.

 

Was muss die Abwärme dem Lieferanten bringen?

Auch auf der anderen Seite entstehen Kosten. Die Abwärme muss ausgekoppelt, gegebenenfalls über Wärmetauscher geführt, gepumpt und an einer definierten Schnittstelle bereitgestellt werden.

Nehmen wir an, der Abwärmelieferant muss dafür einmalig 100.000 € investieren. Bei 20 Jahren Nutzungsdauer und einer kalkulatorischen Verzinsung von 6 % entspricht das jährlichen Kapitalkosten von rund 8.700 €. Bei 10 % sind es rund 11.700 €.

 

Das klingt zunächst überschaubar. In der Praxis ist allerdings das Eigeninteresse eines Industriebetriebs an der Abwärmeauskopplung oft gering. Die Wärmelieferung gehört nicht zum Kerngeschäft, bindet aber technische und personelle Ressourcen und bringt zusätzliche Verpflichtungen mit sich. Wegen eines jährlichen Überschusses von 10.000 € wird deshalb kaum ein Unternehmen ein solches Projekt starten. Je nach Unternehmensgröße und Aufwand müssen vielleicht 30.000 oder 50.000 € pro Jahr erwirtschaftet werden, damit die Abwärmelieferung überhaupt attraktiv wird.

 

Eine angemessene Kapitalverzinsung allein reicht also nicht unbedingt aus. Der Abwärmepreis muss auch einen ausreichend hohen absoluten wirtschaftlichen Nutzen für den Lieferanten ermöglichen.

 

Wo liegt der richtige Preis?

Zwischen dem maximal wirtschaftlich vertretbaren Preis des Abnehmers und dem Mindestpreis, zu dem der Lieferant bereit ist, seine Abwärme bereitzustellen, entsteht ein möglicher Verhandlungsspielraum.

Ob und wie groß dieser Spielraum ist, hängt nicht nur von der Temperatur ab. Ebenso entscheidend sind die nutzbare Wärmemenge, die zeitliche Verfügbarkeit, die Erschließungs- und Transportkosten sowie die jeweiligen wirtschaftlichen Alternativen.

Deshalb kann Abwärme mit 35 °C für 15 €/MWh ein überhöhtes Angebot sein, während Abwärme mit 60 °C für 50 €/MWh durchaus wirtschaftlich interessant sein kann.

 

Der Wert ergibt sich aus dem Gesamtsystem

Ein allgemeingültiger Preis für industrielle Abwärme lässt sich deshalb kaum angeben.

 

Nicht die Abwärme an sich hat einen bestimmten Wert, sondern der wirtschaftliche Nutzen, den sie in einem konkreten Energiesystem stiften kann.

 

Erst wenn die Perspektiven beider Partner berücksichtigt werden, lässt sich beurteilen, ob eine Abwärmenutzung wirtschaftlich sinnvoll ist – und welcher Preis für beide Seiten attraktiv sein kann.