Das wichtigste Ergebnis? Bei welchem Wert eine Entscheidung kippt.
Eine der häufigsten Aufgaben meiner Arbeit ist, ein alternatives, fossilfreies Energiesystem mit der bestehenden Versorgung durch Erdgas zu vergleichen.
Und fast zwangsläufig kommt dabei die Frage: Mit welchem Gaspreis rechnen wir?
Mit dem langjährigen Mittel? Mit dem aktuellen Börsenpreis? Mit dem Frontjahr? Oder mit einer Prognose für den Betrachtungszeitraum 2030 bis 2040?
Ich halte eine andere Frage oft für hilfreicher: Bei welchem Gaspreis kippt die Entscheidung?
Dazu ermittle ich zunächst – die Total Cost of Ownership im Blick – die Wärmegestehungskosten des besten fossilfreien Systems. Dazu gehören Kapitalkosten, Wartung und Betriebsführung ebenso wie Strom für Wärmepumpen und Hilfsantriebe oder gegebenenfalls Kosten für die Wärmequelle.
Nehmen wir an, dieses System kommt auf Vollkosten von 65 €/MWh Wärme.
Für die bestehende Erdgasversorgung könnte eine erste Rechnung beispielsweise so aussehen:
- Erdgas-Börsenpreis: 40 €/MWh
- Netzkosten, Steuern und Abgaben: 23 €/MWh
- Nutzungsgrad des Gaskessels, bezogen auf den Brennwert: 92 %
- Wartung und Betriebsführung: 3 €/kW und Jahr (bei 6000 Volllaststunden ca. 0,5 €/MWh
- Kapitalkosten: keine – der bestehende Kessel ist bereits vorhanden
Damit kostet die Wärme aus Erdgas in diesem Beispiel rund 69 €/MWh. Das fossilfreie System wäre also günstiger. Aber was passiert, wenn Erdgas wieder deutlich billiger wird?
Genau hier wird die Grenzwertbetrachtung interessant. Statt darüber zu diskutieren, ob der Gaspreis künftig 30, 40 oder 60 €/MWh betragen wird, berechne ich, bei welchem Gaspreis beide Systeme exakt gleich teuer sind. Unterhalb dieses Wertes hat die bestehende Gasversorgung einen Kostenvorteil. Oberhalb davon die Alternative.
Damit lässt sich die Entscheidung wesentlich besser einordnen. Jeder kann seine eigene Erwartung an zukünftige Gaspreise zugrunde legen. Gleichzeitig können weitere Entwicklungen betrachtet werden: steigende Netzkosten bei sinkendem Gasabsatz, höhere CO₂-Kosten oder neuerliche Verwerfungen auf den Energiemärkten.
Und das Prinzip funktioniert auch in die andere Richtung. Angenommen, die neue Wärmeversorgung darf maximal 72 €/MWh kosten. Dann kann ich fragen:
Wie stark dürfen die Investitionskosten steigen, bevor die Wirtschaftlichkeit kippt? In diesem Beispiel: um rund 40 %.
Wie hoch darf der Strompreis werden? In diesem Beispiel: rund 17 statt der angesetzten 15 ct/kWh.
Dasselbe lässt sich für Volllaststunden, Wartungskosten, Wirkungsgrade, CO₂-Preise oder andere unsichere Einflussgrößen berechnen.
So entsteht aus einer vermeintlich einfachen Wirtschaftlichkeitsrechnung etwas, das ich für Entscheidungen wesentlich hilfreicher finde:
Nicht eine Prognose darüber, was 2035 sein wird – sondern die Antwort darauf, was passieren müsste, damit wir unsere Entscheidung ändern.
Diese Grafik zeigt den Börsenpreis (TTF-Frontmonat) der letzten 5 Jahre (strichliert). Darüber die Wärmegestehungskosten, die sich dadurch ergaben.